Ein Jahrhundert Fortschritt in unserer Gemeinde
Der Februar 2026 markiert einen historischen Wendepunkt für Groß Schierstedt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer über einhundertjährigen Reise die unsere Art zu kommunizieren von Grund auf verändert hat.
Anfänge zwischen Erdkabeln und Holzmasten
Die Wurzeln unserer vernetzten Welt reichen zurück in die 1930er Jahre. Schon damals bildete eine für damalige Verhältnisse hochmoderne, unterirdische Kupferverbindung entlang der „alten Schierstedter“ (unserer ehemaligen Kreisstraße) das Rückgrat der Kommunikation. Während diese Adern im Boden schlummerten, erfolgte die Erschließung der einzelnen Gebäude typischerweise über Telefonmasten und Oberleitungen. Ein vertrautes Bild, das unsere Gemeinde über Jahrzehnte prägte und teilweise bis heute, zum Beispiel in der Kindergartenstraße oder in der Aue, an die Langlebigkeit dieser sehr frühen Technik erinnert.
Zu dieser Zeit gehörten Telefone noch zu den absoluten Ausnahmen. Die allerersten Anschlüsse in der Gemeinde besaßen die Gemeindeverwaltung sowie Willi Siebert, der Inhaber der örtlichen Rundfunkreparaturwerkstatt. Wer ihn damals sprechen wollte, erreichte ihn unter der Rufnummer 03473 2339.
Zeit bis 1990
Über Jahrzehnte hinweg, insbesondere bis zur Wende in der DDR, blieben Telefonanschlüsse ein rares Gut und absolute Mangelware. Die Vergabe war streng reglementiert. Nur sehr wenige Haushalte verfügten über einen eigenen Anschluss. So war es ein erwähnenswertes Ereignis, als im Jahr 1977 der damalige Bürgermeister Wolfgang Lieder endlich einen eigenen Telefonanschluss erhielt, er war fortan unter der Rufnummer 03473 3401 erreichbar.
Wer sich an die Zeit vor 1990 erinnert, weiß noch um diese kurzen, vierstelligen Rufnummern, die in Groß Schierstedt meist mit einer „2“ oder „3“ begannen. Diese kurzen Nummern blieben der Gemeinde auch nach der Wende noch erhalten.
Von der „Sonne“ zur gelben Zelle
Weil private Anschlüsse so selten waren, spielte die öffentliche Telefonie eine zentrale Rolle im Dorfleben. Die allererste Telefonzelle Groß Schierstedts fand ihren Platz direkt vor dem Gasthof „Zur Sonne“. Später entfiel diese Außenkabine und stattdessen wanderte der Apparat ins Innere der „Sonne“ und hing gleich rechts vor der Eingangstür zum Gastraum. Ein strategisch wichtiger Ort, an dem man nicht nur telefonierte sondern sicher auch die neuesten Dorfgeschichten austauschte.
Nach der Wende wurde die markante gelbe Telefonzelle in der unteren Dorfstraße zum wichtigsten „Fenster zur Welt“ für viele Einwohner. Bis 1996 war sie aus dem Ortsbild nicht wegzudenken. Gerade in der frühen Nachwendezeit, als der rasch wachsende Bedarf an Anschlüssen das noch eingeschränkte Netz sprengte, war sie Gold wert. In jenen Jahren wurden aus dieser einen gelben Zelle heraus zeitweise sogar ganze, damals noch junge, private Betriebe gesteuert.
1996 die erste große Modernisierungswelle
Genau 30 Jahre vor unserem heutigen Glasfaserausbau erlebte unsere Gemeinde im Jahr 1996 den ersten umfassenden Modernisierungsschritt. Damals wurden im großen Stil Telefon-Erdkabel verlegt, um die analoge Telefonie und das neue ISDN-Zeitalter in die Fläche zu bringen. Die alten Oberleitungen verloren erstmals massiv an Bedeutung.
Mit der Volldigitalisierung und dem ISDN-Boom ab 1996/97 hielten auch die sechsstelligen Rufnummern Einzug in unsere Haushalte. Wer damals einen neuen Anschluss erhielt, bekam meist ein bis drei Nummern, die zunächst mit der Ziffer „8“ und später dann wieder mit der Ziffer „2“ begannen. Ein klares Zeichen für den technologischen Aufbruch dieser Jahre. Wer damals online gehen wollte, brauchte mit 56k-Modems oder 64k-ISDN-Verbindungen jedoch hin und wieder Geduld.
Das digitale Zeitalter und das Entfernungs-Lotto
Ab dem Jahr 2000 hielt DSL Light mit 384 kbit/s Einzug. Ein Meilenstein, denn man konnte nun endlich gleichzeitig surfen und telefonieren. Eine spürbare Verbesserung brachte das Jahr 2010, als der zentrale Kabelverzweiger an der Wipperbrücke mit Glasfaser angebunden wurde.
Doch hier zeigte sich eine physikalische Grenze. Da vom Verteiler bis zum Haus weiterhin das alte Kupferkabel genutzt wurde, entschied oft der Wohnort über die digitale Teilhabe. Während Bahnhofstraße, Mühlgraben und untere Dorfstraße bis zu VDSL 100 genießen konnte, mussten Anwohner in allen anderen Bereichen oft mit ADSL 6000 oder weniger kämpfen. Ein digitaler Graben, der nun, im Jahr 2026, endlich verschwindet.
2026 mit Lichtgeschwindigkeit in die Zukunft
Am Freitag, den 20. Februar 2026, war es so weit. Der symbolische erste Spatenstich für den direkten Glasfaserausbau (Fiber to the Home / FTTH) ist erfolgt. Begleitet wurde dieser Meilenstein von Ortsbürgermeister René Krebs, Infrastrukturministerin Lydia Hüskens, Oberbürgermeister Steffen Amme, sowie Ortsbürgermeister aus Klein Schierstedt Frank Hermann und Vertretern der Telekom und Katikom.
Mit einer Fördersumme von fast einer Million Euro durch das Land Sachsen-Anhalt startet der flächendeckende Glasfaserausbau (FTTH) in Groß und Klein Schierstedt. Insgesamt 399 Haushalte werden direkt an das neue Netz angeschlossen. Dabei wird die historische Kupferinfrastruktur auf der letzten Meile vollständig durch Lichtwellenleiter ersetzt. Dies ermöglicht erstmals im gesamten Ort Bandbreiten von bis zu 1 Gbit/s, also 18.000mal schneller als vor 30 Jahren. Dieser technologische Quantensprung erfolgt genau 30 Jahre nach der ersten großflächigen Verlegung von Telefon-Erdkabeln im Jahr 1996.
Mit diesem Schritt verschwinden perspektivisch auch die letzten veralteten Oberleitungen aus unserem Ortsbild. Unsere Gemeinde ist damit endgültig im Zeitalter der Lichtgeschwindigkeit angekommen, ein stolzer Moment für unsere Infrastruktur und unsere Gemeinschaft!